„Politik ist kein abgeschlossener Raum nur für Erwachsene“

Aminata Touré ist zurzeit die jüngste Abgeordnete im Landtag Schleswig-Holstein und setzt sich für Geflüchtete, Frauen und Minderheiten ein. Die Blog-AG, Julian (8a) und Aliah (6b) hat sich mit ihr zum Interview getroffen.

 Blog AG: Frau Touré, vielen Dank für die Einladung. Wir haben Sie für das Interview ausgewählt, da Sie die jüngste Abgeordnete im Landtag sind und sich mit den Themen befassen, welche wir zurzeit auch auf unserem Blog bearbeiten. Bitte erzählen Sie doch erst einmal etwas über sich.

Aminata Touré: Ich bin Aminata Touré, bin 26 Jahre alt und seit anderthalb Jahren hier im Landtag. Aufgewachsen bin ich in Neumünster, bin dort zur Schule gegangen und habe hier in Kiel Politikwissenschaft und französische Philologie studiert.Anschließend habe ich anderthalb Jahre lang im Bundestag gearbeitet und habe dann hier für den Landtag kandidiert, weil ich gerne hier Politik machen wollte.

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Aliah, Aminata Touré und Julian tauschen sich über die Arbeit einer Landespolitikerin aus.

Blog-AG: Sie sind die jüngste Abgeordnete im Landtag. Wieso gingen Sie in die Politik, was hat Sie dazu motiviert und was gefällt Ihnen so an Politik?

Aminata Touré: Ich habe mich dazu entschieden Politikerin zu werden, weil meine Eltern von Mali geflohen sind. Dort haben wir die ersten fünf Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt und die ersten zwölf Jahre wussten wir nicht, ob meine Familie und ich in Deutschland bleiben durften. Das hat dazu geführt, dass ich immer in einer Angst lebte, ob wir hierbleiben dürfen, ob wir überhaupt zu Deutschland gehören.

Als ich dann einen deutschen Pass hatte, dachte ich, dass ich mich mit Flüchtlingspolitik überhaupt gar nicht mehr auseinandersetzen muss und möchte, habe dann aber gemerkt, dass es ganz viele andere Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene gibt, die in genauso einer Lebenssituation sind wie ich. Da habe ich gemerkt, dass ich, wenn ich etwas verändern will, selbst in die Politik gehen muss. Ich hatte auch das Gefühl, dass jedes Mal, wenn ich den Fernseher anschaltete, niemand so aussah wie ich, die so jung waren wie ich oder so gedacht haben wie ich.

Also dachte ich mir: Wenn ich möchte, dass etwas so ist, muss ich es selbst machen.

Blog-AG: Ich habe das Gefühl, dass Politik in der Jugend für viele keine große Rolle spielt. Was denken Sie, könnte der Grund dafür sein?

Aminata Touré: Ich glaube, dass ganz oft die Sprache in der Politik und die Art und Weise wie Politik gemacht wird, vielleicht nicht unbedingt viel damit zu tun hat, wie man als junger Mensch oder Jugendlicher unterwegs ist, sodass man dann das Gefühl hat, dass Politik etwas für Erwachsene ist und gar nichts mit einem selbst zu tun hat. Das stimmt aber nicht, weil alle Entscheidungen, die wir im Parlament treffen, auch euch betreffen.

Daher finde ich es auch ganz wichtig, dass wir Politiker und Politikerinnen das jungen Menschen gegenüber auch deutlich machen, dass sie sich auch politisch interessieren können.

Deshalb haben wir auch das Wahlalter – also ab wann man wählen darf – hier in Schleswig-Holstein auf 16 heruntergesetzt, damit man auch mit 16 schon politische Entscheidungen treffen kann.

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Die drei beim Interview

Blog-AG: Haben Sie Ideen, um Jugendliche für Politik zu begeistern? Wenn ja, welche?

Aminata Touré: Ich glaube, dass man heutzutage durch die neuen sozialen Netzwerke eine große Chance hat.

Bei mir merke ich, dass mir viele junge Leute auf diesen Kanälen folgen, um sich anzugucken, wie ich eigentlich Politik mache, und ich glaube, dass das ein gutes Mittel sein kann, um transparent zu zeigen, was man eigentlich den ganzen Tag als Politikerin macht.

Mir ist auch aufgefallen, dass, als ich neu Politikerin war, meine Freunde und beispielsweise auch meine Schwester gefragt haben, was ich eigentlich als Politikerin so mache, die konnten sich nämlich nichts darunter vorstellen. Durch diese Medien hat man die Möglichkeit, das Ganze gut zu zeigen und Interesse bei jungen Leuten zu wecken.

Blog-AG: Haben Sie sich auch schon als Kind oder Jugendliche in unserem Alter für Politik interessiert?

Aminata Touré: Ja, tatsächlich schon. Meine Eltern haben sehr viel Nachrichten geguckt, was ich als Kind eigentlich ziemlich blöd fand, da ich zu diesem Zeitpunkt immer GZSZ, also Gute Zeiten Schlechte Zeiten, gucken wollte, was genau zu dieser Zeit lief. Irgendwann habe ich aber gemerkt: Nachrichten sind ja eigentlich ganz spannend, weil die Sachen, die dort entschieden werden auch mich betreffen.

Ich habe ja lange als Flüchtling gelebt, und jedes Mal, wenn ich Nachrichten geguckt habe, merkte ich: Oh, krass, was die da in der Politik mache, das betrifft mich und hat konkret etwas mit mir zu tun. Das ist nichts, das mich nicht interessieren kann, es geht um mein Leben.

Daher hat Politik in meinem Leben immer eine Rolle gespielt.

Blog-AG: Sie sind sehr viel in sozialen Netzwerken unterwegs. Halten Sie diese für ein geeignetes Medium, um mit der Gesellschaft zu kommunizieren?

Aminata Touré: Ich glaube es ist ein gutes Mittel, um zu zeigen was man den ganzen Tag macht, wofür man politisch steht und wie man arbeitet, aber ich denke, es wird nie das persönliche Gespräch ersetzen.

Aber es ist eine Möglichkeit, um mehreren Menschen gleichzeitig etwas mitzuteilen und zu zeigen wofür man steht.

Das kann aber auch ganz oft problematisch sein, weil es eben auch viel Negatives und Böses im Internet gibt und man auch viele „böse“ Nachrichten bekommen kann, aber insgesamt finde ich, dass es ein gutes Medium ist, um das zu zeigen.

Blog-AG: Ein paar unserer Leser*innen möchten vielleicht später auch mal in die Politik gehen. Was würden Sie diesen Personen raten, um dies möglichst erfolgreich zu tun und auch wirklich was verändern zu können?

Aminata Touré: Wichtig ist, sich erstmal anzuschauen: „Wo kann ich überhaupt Politik machen?“, und dort gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Natürlich geht das Klassischerweise bei Parteien, die meisten machen öfters offene Informationsveranstaltungen, wo man sich alles anschauen kann. Man muss aber nicht zwingend einer Partei beitreten, es gibt auch einige andere Organisationen und Vereine, die sich auch mit Sachen beschäftigen, die die Gesellschaft angehen. Schaut einfach was euch interessiert, was ihr unterstützen wollt.

 

Blog-AG: Haben Sie als Politikerin viel Freizeit und was machen Sie in dieser?

Aminata Touré: Man hat durchaus auch Freizeit, man muss sich das selbst einteilen. Ich glaube auch, dass das auch wichtig ist, denn wenn man sich keine Zeit für Freunde usw. nimmt und kein „normales Leben“ führt, dann glaube ich, dass das dazu führt, dass man nicht mehr so gute politische Entscheidungen trifft. Wenn man immer nur von bestimmten Menschen umgeben ist und auf Veranstaltungen nur in der Rolle als Politikerin ist, dann distanziert man sich von dem normalen Leben, in dem man eigentlich sein sollte und deshalb versuche ich, mir auch Freizeit zu ermöglichen, da das wichtig für einen selbst ist, aber auch für die politische Arbeit.

 

Blog-AG: Wie könnte man junge Menschen mehr in die Politik einbinden?

Aminata Touré: Ich denke, dass erst einmal diejenigen, die gerade schon Politik machen, ihr Angebot „jünger“ machen, also Veranstaltungen machen, wo man auch Lust hat, als junger Mensch teilzunehmen.

Wenn es um ein Event geht, bei dem 50 Leute in einem Raum sitzen, die alle 50 Jahre alt sind, dann habe ich als Jugendlicher ehrlich gesagt kein Interesse da mitzumachen.

Auch muss man auf jeden Fall deutlich machen, dass Politik kein abgeschlossener Raum nur für Erwachsene ist, wobei Jugendliche nicht mitmachen dürfen.

Jugendliche sollten nicht denken: „Soll ich da mitmachen? Darf ich da mitmachen? Interessiert es überhaupt irgendwen, was ich da denke?“

Da sind wir als Politiker total gefordert, aber eben auch die jungen Menschen, sich im Klaren zu sein, dass man auch politische Entscheidungen treffen kann, soll und darf, denn das ist nicht nur was für alte Leute. Das können und dürfen wir alle: Da sollten wir uns auch glücklich schätzen und dies wahrnehmen.

Blog-AG: Ich habe einen Artikel auf dem Blog über meine Rassismuserfahrungen geschrieben. Dieser ist sehr gut bei meinen Mitschüler*innen angekommen. Manche konnte sich aber nicht vorstellen, dass man so fies behandelt wird. Was kann jeder Einzelne im Alltag gegen Rassismus tun?

Aminata Touré: Was man auf jeden Fall immer machen kann, ist, etwas zu sagen, wenn man mitbekommt, dass jemand z.B. fies behandelt wird oder rassistisch behandelt wird. Denn es tut immer weh, wenn man das Gefühl hat, dass niemand was sagt. Um da mal ein ganz klares Beispiel zu nennen: Ich saß mal in einer U-Bahn und dann hat jemand was Böses zu mir gesagt und alle in der U-Bahn saßen nur da und haben sich das angeguckt. Keiner hat was gesagt. Das waren dann zwei blöde Situationen für mich. Einmal, dass ich blöd angemacht worden bin, und zweitens, dass niemand, was gesagt hat.

Außerdem finde ich es immer wichtig zu zeigen und zu sagen: Das finde ich nicht ok so, weil dann fühlt man sich nicht so allein in dem Moment. Deshalb finde ich es immer wichtig zu sagen, ey das ist nicht in Ordnung und es stimmt auch nicht!

 

Blog-AG: Was kann die Politik gegen Rassismus tun?

Aminata Touré: Ich glaube die Politik muss zuerst keine rassistische Politik machen. Das ist der erste Schritt, denn das führt auch zu Rassismus. So werden viele rassistische Debatten von Politikern selbst angeheizt. Das sind Sachen, die ich sehr schlecht und böse finde, weil sie dann einfach als Selbstverständlichkeit gesehen werden. Das darf nicht sein!

In Schleswig-Holstein haben wir einen Aktionsplan gegen Rassismus, den wir auf den Weg bringen werden. Wir wollen, dass in den Schulen, bei der Polizei, überall in der Gesellschaft über dieses Thema gesprochen wird, damit wir irgendwann mal eine Gesellschaft haben, wo es kein Rassismus gibt. Man muss in der Gesellschaft besprechen: Wo sind Probleme? Wo sind keine Probleme? Das ist ein Weg, den man politisch gehen kann.

 

Blog-AG:  Wir wissen, dass Sie schon öfter mit Schüler*innen über Rassismus diskutiert haben, warum ist Ihnen das wichtig?

 Aminata Touré: Ich glaube, dass es schlecht ist, wenn man Menschen oder junge Menschen, das Gefühl gibt, dass sie nicht zur Gesellschaft gehören. Also wenn sie das Gefühl haben, ich habe eine dunkle Hautfarbe, meine Eltern kommen aus einem anderen Land oder ich trage ein Kopftuch, ich weiß gar nicht, ob ich mich Deutsch nennen darf. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich bis ich 18 Jahre alt war, mich selbst nie als deutsch bezeichnet habe, obwohl ich hier groß geworden bin. Ich dachte immer, wenn ich von mir selbst gesagt habe, ich sei deutsch: Nein, Aminata! Du bist keine Deutsche, weil du schwarz bist! Und dass fand ich immer blöd, immer so ein Gefühl zu haben. Ich finde, dass teilt uns ganz unnötig und deswegen hab ich den Wunsch, die Gesellschaft wieder zusammenzubringen, weil ich glaube, das man im Laufe seines Lebens eher lernt rassistisch zu sein, als dass man von Anfang an rassistisch ist und dagegen möchte ich gerne was machen, damit die Gesellschaft keine unnötigen Probleme hat!‘

 

Blog-AG: Gibt etwas, was Sie unseren jungen Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben wollen?

 Aminata Touré: Ich wünsche mir, in einer Gesellschaft zu leben, in der es total okay ist, unterschiedlich zu sein und niemand dafür schlecht behandelt wird. Das bedeutet, dass man die Möglichkeit hat, so zu leben wie man möchte und zwar egal, welche Hautfarbe man hat, egal welche Religion man hat, egal wen man liebt, ob man homosexuell ist oder egal, was man für ein Geschlecht hat, ob man eine Frau ist oder ein Mann ist, oder ob man weder das eine noch das andere ist. Ich wünsche mir, insgesamt, dass gerade die junge Generation auch daran mitarbeitet!

 

 

2 Kommentare zu „„Politik ist kein abgeschlossener Raum nur für Erwachsene“

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